WAR CARPET

 

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 Nicht aus heiterem Himmel

Kunst und Kultur spiegeln seit jeher den aktuellen Alltag wieder. Und die tägliche Realität von Gewalt und Gegengewalt, die Afghanistan seit den 1980er Jahren fest im Griff hat, fand schnell Eingang in eines der ältesten Handwerke der Region: der Teppichherstellung. Traditionelle florale und tierische Motive und Ornamente wurden nach und nach durch symmetrische Anordnungen von Handgranaten, Panzern, Helikoptern, Panzerfäusten und AK-47-Sturmgewehren ersetzt oder durch solche ergänzt. Afghanische Kriegsteppiche wurden in kürzester zu Symbolen ihrer Zeit. Diese handgeknüpften schafwollenen Teppiche kommunizierten Widerstand und Siegesfreude. Dabei bewegten sie sich zwischen Gebrauchsgegenstand und Ornament, zwischen klassischer Funktion und narrativem Design, aber auch zwischen traditionellem Handwerk und zeitgenössischem Sammelobjekt.

 

Die Künstlerin Sissi Farassat wurde im Iran, dem Nachbarland Afghanistans, geboren. In diesem persischen Teil des Nahen Ostens werden seit tausenden von Jahren Teppiche geknüpft und auch Sissi Farassat hat schon in ihrer frühen Kindheit angefangen zu nähen und zu knüpfen. Heute lebt die Künstlerin in Wien und bestickt fotografische Abzüge mit Swarowski-Steinen. Eine ihrer spannendsten Serien befasst sich mit den besagten afghanischen Kriegsteppichen, entweder in Form eigener fotografischer Reproduktionen oder als Selbstporträt vor einem dieser Teppiche, die sie dann in wochenlanger Arbeit flächendeckend mit Schmucksteinen bestickt. Sie nimmt die Abbildung des Kriegsteppichs als Ausgangsmotiv, als eine Art Vorlage oder Schablone, und füllt sie mit funkelnden und verschiedenfarbigen Schmucksteinen auf, wobei sie so das zugrundeliegende Bild simultan akzentuiert und verdeckt. Die entstandene Arbeit mit ihrem schillernden und materiell überhöhenten Effekt wird zu etwas, was die Kuratorin Elnaz Bokharachi „ein typisches Beispiel iranischer bildender Kunst“, nennt, dass „visuell Einspruch erhebt“. Bokharachi schreibt weiter, dass Farassats Arbeiten „historische Traumata aufzeigen und dabei die Schrecken des Krieges verschleiern; stattdessen betonen sie die ornamentale Ästhetik ihres Kulturerbes und die iranische Teppichknüpfertradition “. Mit anderen Worten, die Künstlerin vereint Inhalt und Form in untrennbarer Weise. Wiederholung und Überdeckung, Betonung und Widerruf, Tradition und Gegenwart, Geste und Bild. Darüber hinaus deutet Sissi Farassat in dieser Arbeit aber auch mehr oder weniger subtil die Realität der afghanischen Frauen an, die hinter ihrem spektakulären Teppichhandwerk unsichtbar bleiben und gezwungen passiv und sehr massiv unter den militärischen und paramilitärischen Auseinandersetzungen leiden.

 

Diesen intensiven und von Gewalt geprägten Bildern stellt Sissi Farassat Fotografien von Wolken und Himmel gegenüber, die sie auf gleiche Weise mit Swarowski-Steinen bestickt. Diese kleinen, ja fast intimen Arbeiten werden durch den Kontext der Kriegsteppiche in doppelter Weise aufgeladen. Die Wolken strahlen etwas Friedliches und Hoffnungsvolles aus; und doch bleibt dieser blau-weiße Himmel auch eine bedrohliche Sphäre von Drohnen und Kriegsflugzeugen, also von militärischer Überwachung und Bomben. Sissi Farassat schafft es, uns diesen allgegenwärtigen Schrecken aus Kriegsregionen, wie eben Afghanistan, in diesen kleinen Fenstern nahezubringen und bedient sich dabei bewusst sowohl einer expliziten sowie auch offenen Zeichensprache. Gerade in dem Zusammenspiel von Heftigkeit und Ruhe liegt aber die Brutalität moderner Kriegsführung: die tödliche Bombe, die wie aus dem Blauen in den trügerisch „normalen“ Alltag einschlägt. (Daniel Blochwitz)

 

Liebe Grüsse,

Daniel