sissi farassat

Postcard

„Flitterkram“

text Timm Starl

Das heikelste Spiel ist jenes mit den Klischees. Wer sich selbst Postkarten schickt, ist nicht ganz bei Sinnen. Wer ständig das eigene Bild vor sich her trägt, muss ein Narziss sein. Wer sich mit „Flitterkram“ umgibt, dem ist Leichtfertigkeit zuzutrauen.

Sissi Farassat verfasst während eines dreimonatigen Stipendien-Aufenthaltes in New York 2003 jeden Tag auf einer Karte Mitteilungen, versieht diese mit einem kleinen Porträt – von sich allein oder mit jemand zweitem –, ergänzt es manchmal um ausgeschnittene Figuren, ein Kleid oder eine Krone, fügt gelegentlich den Briefmarken einen eigenen Entwurf hinzu – und sendet das Ergebnis an ihre Wiener oder New Yorker Adresse. Die Schreiberin berichtet von den alltäglichen Geschehnissen („heute so regnerisch“), von der Umgebung („wieder fliegen viele Flugzeuge in d. Luft“), von Plänen („vielleicht gehe ich ja am Abend essen“), von der Sehnsucht nach zu Hause („noch 43 Tage“), von elegischen Stimmungen („die Sonne geht langsam runter, und bald ist die Himmel wieder ganz schön“). Es sind die stereotypen Botschaften, wie sie Urlauber und Reisende den daheim Gebliebenen zukommen lassen.

Zwischen den banal anmutenden Sätzen in dieser 34. Karte vom 19. Oktober finden sich jedoch Mitteilungen mit andersartigen Bedeutungen eingestreut. „Moma hat mir die Unterlagen ohne Kommentar heute zurückgeschickt.“ Das Museum of Modern Art zeigt kein Interesse an ihrer Arbeit. „Heute“ war demnach nicht nur ein guter Tag, und plötzlich bekommt das nachstehende Stimmungsbild eine neue Bedeutung: Mit der „Sonne“, die „langsam runter“ geht, schwindet eine Hoffnung auf Anerkennung, aber „die Himmel“, die „wieder ganz schön“ werden, künden bereits von zukünftigen Projekten, die sich am Horizont abzeichnen.

Das Klischee ist für Sissi Farassat ein Netz, in das sie verpackt, wonach ihr der Sinn steht. Diese Hülle ist gemacht aus groben Stereotypen, die genügend Zwischenräume lassen, durch die zu erkennen ist, was sich dahinter verbirgt. Das Klischee tritt in mehreren Formen auf, nämlich einmal in Bildern, die von der Sprache hervorgerufen werden, und dann wieder in Einschreibungen, mit denen die bildlichen Entwürfe ausgestattet sind. Das Foto, die Zeichnung, die Briefmarken mit jeweils unterschiedlichen Motiven liefern die bunten Signale, die das Publikum neugierig machen. Sie sollen es in jene erwartungsvolle Atmosphäre versetzen, die

sich beim Empfang von Grußkarten einstellt. Und sie konditionieren die Betrachter für jene Wendungen, die ihm geläufig sind. Doch der Leser weiß selbstverständlich, von wem die Karten stammen, die mit den Emblemen des Kitsches ausgezeichnet sind. Ihn kann die unleserliche Unterschrift nicht irritieren, denn er ist der Konsument eines Buches, in dem die Künstlerin ihre Werke präsentiert, oder der Besucher einer Ausstellung, in der die Herkunft der Karten gleichfalls unstreitig ist. AdressatIn ist ja nicht die Künstlerin, sondern das kunstbeflissene Publikum, wie uns in der Sendung Nr. 55, die am 12. November abgestempelt ist, deutlich gemacht wird: „Heute habe ich einwenig Zweifel an die Postkarten. Ich habe eh immerwieder gefragt, wem das interessieren könnte“.


“Glittery Stuff”

The most problematic game is the one you play with clichés. If you send postcards to yourself, you cannot be entirely in your right mind. Carrying around a picture of yourself means you must be narcissistic. If you surround yourself with “glittery stuff”, you may be presumed to be frivolous.

Sissi Farassat, during a three month scholarship sojourn in New York in 2003, jots down messages on a card each day, adds a small portrait, either of herself alone or with a second person, sometimes complementing it with cut-out shapes, such as a dress or a crown, sometimes adding to the postal stamp another one of her own devising – and mails the results off to her own addresses in Vienna or New York. She reports on everyday occurrences (“it’s such a rainy day today”) or her surroundings (“once again, so much air traffic”) or her plans (“I might go out for a feed tonight”) or her longing for home (“another 43 days yet”) and elegiac moods (“the sun goes down slowly and soon the skies are quite pretty again”). These are stereotypical messages of the sort holidaymakers and travellers tend to send to the stay-at-homes.

Interspersed in amongst the seemingly banal statements on this 34th card of October 19, there are, however, to be found some messages with a different kind of connotation. “Moma returned my documents today without any comment.” The Museum of Modern Art had shown no interest in her work. “Today”, therefore, was not all that great a day, and so all of a sudden the adjacent moody picture acquires a new significance. The “sun” going “down slowly” carries off another hope of garnering recognition, but “the skies” that are becoming “quite pretty again”, seem to be announcing future projects coming up on the horizon

Clichés are a net for Sissi Farassat into which she wraps whatever strikes her fancy. This wrapper is made up of rough stereotypes that leave a sufficient number gaps through which one may perceive what is hidden behind them. The cliché appears in a number of forms, such as the images evoked by the language, and then again, also by the inscriptions entered on the pictorial creations. The photographs, the drawings, the postal stamps with their varying motifs provide the colourful signals that arouse the curiosity of the audience, along with an atmosphere of expectant palpitation of the sort experienced when subjected to the reception of greeting cards. And they condition the viewers to the twists that they are familiar with.

Yet the reader knows, of course, who these cards are from, coming, as they will, with their full allotment of kitsch insignia. Nor can the illegible signatures sway the reader, since he (or she) is the consumer of a book, inside of which the artist presents her works, or else he (or again, she) may be attending an exhibition where the origin of the cards is likewise not an issue. The addressee, after all, is not the artist, herself, but the overly solicitous art audience, as the consignment #55, postmarked November 12th, makes abundantly clear: “Today I have had a little doubt in the postcards. I kept, at any rate, wondering all the time, whom this might interest.”

Eine Antwort

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  1. ulla sagte, am November 18, 2008 zu 8:57

    wunderbare Fotos !!!!!

    Ulla und Georg (Bekannte von Viktor Bucher )

    kartnig@mhi.tu-graz.ac.at
    uweitgasser@hotmail.com


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